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Schwellenländer

Stabilisierung in schwierigem Umfeld

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Nach Jahren der Abwertung erwarten wir für die Schwellen­länder-Währungen 2019 eine Bodenbildung. In manchen Ländern könnte sich die Währung sogar etwas erholen. Auch die auslaufenden Zinserhöhungen in den USA verschaffen eine Atempause, hohe Reserven und der IWF helfen, eine Krise zu vermeiden.

Die heftigen Abwertungen der Schwellenländer-Währungen haben diese Länderklasse 2018 in den Fokus gerückt. 2017 und Anfang 2018 gab es zunächst noch starke Portfoliozuflüsse in die Schwellenländer. Seitdem hat sich die Lage umgekehrt. Zwischen April und Oktober 2018 kam es zu Kapital­abflüssen in der Größenordnung von 35 Mrd. US-Dollar. Investoren schichten von Schwellenländer-Anlagen in weniger riskante Anlagen in US-Dollar um.

Die abwartende Haltung der türkischen Zentralbank auf den Abwertungsdruck und die rasant steigende Inflation hatten den Wertverfall der türkischen Lira Anfang August 2018 massiv beschleunigt. Die Lira-Krise griff schnell auf weitere große Schwellenländer mit schwachen Fundamentaldaten über. Leitzinserhöhungen der Notenbanken in der Türkei sowie anderen von Währungsverfall betroffenen Staaten konnten die Abwertungen stoppen. Die aggressivsten Zinsschritte unter­nahmen die Zentralbanken von Argen­tinien und der Türkei. Indonesien, Mexiko und die Philippinen erhöhten den Leitzins stärker als von Marktteilnehmern erwartet.

Der erwartete Stopp der Zinser­höhungen der US-Notenbank im Herbst 2019 wird den Schwellen­ländern eine Atempause verschaffen. Darüber hinaus trägt zur Stabilisierung bei, dass 2019 weitere große Schwellen­länder entweder ihre lockere Geld­politik beenden oder moderate Leit­zinsanhebungen beschließen dürften. Zinserhöhungen sind aber besonders in jenen Ländern heikel, die derzeit nur ein enttäuschendes Wirtschaftswachstum aufweisen (wie Argentinien, die Türkei, Südafrika, Nigeria und Russland).

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In einigen Fällen wird sich zeigen, ob die Zentralbank wirklich unabhängig ist oder dem Druck ihrer Regierung nachgibt.

Grundsätzlich sind jene Länder besonders krisenanfällig, die eine Kombination aus einer hohen Aus­landsverschuldung, Leistungs­bilanz­defiziten und geringen Währungsreserven aufweisen. Neben der Türkei und Argentinien trifft dies auf Südafrika und in etwas geringerem Umfang auf Indonesien und Mexiko zu. Die Abwertungen haben geholfen, die außen­wirtschaftliche Lage zu stabi­lisieren und die Leistungs­bilanzun­gleich­gewichte abzubauen.

In Ländern mit hoher US-Dollar-­Verschuldung bringt eine schwache Währung auch Belastungen mit sich. Insbesondere die Unternehmen in vielen Schwellenländern hatten zunehmend Kredite in US-Dollar aufgenommen. Die Unter­neh­mensverschuldung befindet sich hier nahe an ihren historischen Höchstständen. Bei ihrer Kreditaufnahme in US-Dollar haben diese Firmen durchaus rational gehandelt. Die Zinsen für solche Kredite waren oft geringer als bei einer Kreditaufnahme in Inlandswährung. Mit der schon seit mehreren Jahren anhaltenden Abwertung der Schwellen­länder-Währungen sind die Unternehmen bisher gut zurecht­gekommen. So ist kein spürbarer Anstieg der Insolvenzen zu erkennen. Die Bodenbildung bei den Währungen sorgt jetzt dafür, dass Unternehmen mit Einnahmen vorwiegend in inländischer Währung zumindest keine zusätzlichen Probleme haben, ihre Fremdwährungskredite zu bedienen.

Währungsreserven und IWF als Absicherung

Selbst wenn vereinzelte Länder in finanzielle Schwierig­keiten gerieten, wäre ein Übergreifen der Krise auf andere Schwellenländer nach dem Muster der Asienkrise 1997 / 1998 unwahrscheinlich. Viele große Schwellenländer haben seitdem zur Absicherung gegen künftige außenwirtschaftliche Schocks hohe Währungsreserven aufgebaut. In ­erster Linie ist hier China mit einem Reservepolster in der Größenordnung von 3 Billionen US-Dollar zu nennen. Aber auch Indien, Russland und Brasilien verfügen über hohe Puffer. Der Anteil der Auslandsverschuldung an den Währungs­reserven beläuft sich in diesen Ländern auf weniger als 200%, verglichen mit ca. 420% bei der Türkei und Argen­tinien. Neben den Währungsreserven bietet der IWF eine Absicherung im Krisenfall. Mit einer Billion US-Dollar verfügt er heute über weit mehr Mittel als noch zu Zeiten der Asienkrise mit nur etwa 200 Mrd. US-Dollar. Von den 14 größten Schwellenländern haben derzeit nur zwei ein IWF-Programm: Ägypten hatte seines Ende 2016 begonnen, Argentinien nach dem Einsetzen der Währungskrise im Mai 2018. Bei weiteren Kandidaten stünde der IWF bereit.

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Nicht alle Schwellenländer über ­einen Kamm scheren.

Insgesamt dürfte der Druck auf die Schwellenländer 2019 nachlassen, wenngleich besonders krisenanfällige Länder (siehe Diagramm) noch unter den Währungsabwertungen der vergangenen Jahre leiden werden. Nach den heftigen Abwertungen und Wachstumsrückgängen 2018 sollte sich die Lage aber stabilisieren. Eine handfeste Schwellen­­länderkrise ist vor dem Hintergrund der hohen Währungsreserven der größten Schwellenländer sowie der erweiterten Hilfsmöglichkeiten des IWF nicht zu erwarten.

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