•  
Audio

Der Artikel zum Hören:

Download

Mit konjunkturpolitischem Doping konnte China bis ins Jahr 2018 hinein sein Wachstumstempo weitgehend halten. 2019 wird der Drache trotz einer gesteigerten Dosis Stimulus aber eher langsamer.

Chinas Konjunktur hat schon im Verlauf von 2018 an Schwung verloren. Diese Tendenz dürfte sich 2019 ­fort­setzen, obwohl die Regierung gegensteuert. Das Wachstum wird sich wohl im Jahresdurchschnitt von 6,6% 2018 auf 6% 2019 spürbar verlangsamen.

Dies reflektiert eine Kombination aus andauernder struk­tureller Abschwächung und akuter konjunktureller Delle. Selbst bei einer unveränderten zyklischen Lage wäre davon auszu­gehen, dass der Zuwachs beim chinesischen Bruttoinlandsprodukt nachlässt.

Die Regierung hat in Situationen abnehmender Dynamik immer gegengesteuert, unabhängig von der Ursache – und diesmal ist es nicht anders. Wir erwarten daher, dass die Führung in Peking den bereits eingeschlagenen Kurs einer expansiveren Fiskalpolitik sowie einer Lockerung der Geld- und Kreditpolitik weiter verfolgt. Mittelfristig sinnvolle, aber kurzfristig belastende Reformen werden hinten angestellt. Dadurch stabilisiert man zwar die Konjunktur. Da die strukturellen Probleme aber nicht angegangen werden, setzt dies letztlich den mittel- bis langfristigen Wohlstand aufs Spiel.

Negative Nebenwirkungen des Stimulus

Auch auf kurze Sicht ist ein neuerlicher merklicher Stimulus nicht unproblematisch. Die Staatsverschuldung bleibt zwar im internationalen Vergleich überschaubar. Auf die Stabilität des Finanzsystems kann die Regierung unmittelbar Einfluss nehmen – mit Maßnahmen, die in vielen marktwirtschaftlicher organisierten Systemen nicht zur Verfügung stehen. Insbesondere die hohen Schulden bei privaten und staat­lich kontrollierten Unternehmen mit teilweise fragwürdiger Profitabilität sind aber eine verwundbare Stelle im Panzer des Drachen.

Eine spürbare Abwertung des Yuan wird die Regierung wohl vermeiden wollen. Erstens kann sie unkontrollierbar werden, wenn sie zu starken privaten Kapitalabflüssen führt. Zweitens wird man den drohenden Konflikt mit Washington scheuen. Drittens haben die Exporte als Wachstumsmotor nicht mehr die Bedeutung wie vor zehn oder zwanzig Jahren. Als Instrument der Konjunkturstimulierung ist der Wechselkurs daher für China weniger wichtig geworden.

Raueres Klima

Auf der einen Seite wird das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten und anderen westlichen Industrieländern eher schwieriger, selbst wenn sich der Handelsstreit mit den USA erwartungsgemäß nicht weiter zuspitzt. Donald Trump hat mit seiner Kritik an der chinesischen Wirtschaftspolitik in der Sache vielen in den Industrieländern aus dem Herzen gesprochen. Auch in Europa geht die Tendenz dahin, den Verkauf inländischer Unternehmen und Technologien an staatlich kontrollierte Institutionen aus dem Ausland und speziell aus China strenger zu reglementieren bzw. einzuschränken – zur Not mit ordnungspolitisch fragwürdigen Methoden.

Zitat

In einem Handelskrieg gibt es keine Sieger.

Xi Jinping

Auf der anderen Seite eröffnet der Rückzug der USA aus einer globalen Führungsrolle der Regierung in Peking Spielräume, den eigenen Einfluss weltweit auszubauen. Zwar regte sich zuletzt in einigen Ländern Widerstand gegen große, scheinbar billige Infrastrukturkredite aus China. Viele Staaten, nicht zuletzt in Ostasien, werden aber mangels politischen Engagements der USA letztlich keine andere Wahl haben, als sich mit China zu arrangieren. Vor allem die zentralasiatischen Länder entlang der „Neuen Seidenstraße“ haben oft keine echte Alternative zu chinesischem Kapital.
China in der Einkommensfalle?

China in der Einkommensfalle?

Unsicher bleibt, ob es China gelingen kann, der sogenannten „Middle Income Trap“ zu entgehen. Viele Schwellenländer verzeichneten im Verlauf ihres Entwicklungsprozesses eine spürbare Wachstumsverlangsamung bei einem Pro-­Kopf-Einkommen, das noch deutlich unter dem liegt, wo heute die Gruppe der „Industrieländer“ beginnt. Für China erwarten wir dies nicht. Selbst ein mittelfristiges Wachstum von „nur“ 5% pro Jahr bedeutet angesichts der demografischen Entwicklung (als Folge der „Ein-Kind-Politik“) auf Pro-Kopf-Basis einen weiteren spürbaren Aufholeffekt gegenüber den Industrieländern. Aber um das Trendwachstum auf diesem Wert zu stabilisieren, sind umfangreiche wirt­schaft­liche Reformen erforderlich. Wenn die Regierung um der kurzfristigen Stabilität willen die dafür notwendigen Schritte nicht wagt, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass China in abseh­barer Zeit in die Riege der Industrieländer vorstoßen kann.

Zitat

Die höchste Kunst des Krieges ist es, den Gegner ohne Kampf zu bezwingen.

Sunzi

Immer auf dem neusten Stand!

Mit den Newslettern und Publikationen von Volkswirtschaft/Research

Verwandte Themen:

Weltwirtschaft im Fitnessstudio

Hauptszenario - Eintrittswahrscheinlichkeit: 70%

Um unsere Website fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Wenn Sie Ihren Besuch fortsetzen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen finden Sie unter Datenschutz