•  

Hessen, Thüringen, Nordrhein-Westfalen und Brandenburg:

Wachstum im Wandertempo

Audio

Der Artikel zum Hören:

Download

Die Kernregionen der Helaba bestimmen die Auswahl der in den Texten betrachteten Bundesländer. Aus den Grafiken können Aussagen über alle Bundesländer abgeleitet werden. Jetzt wandern wir los und entdecken die regionalen Besonderheiten!

Vollbeschäftigung in Hessen

Gemäß UN-Charta sollte jeder erwachsene Mensch unter Wahrung der freien Berufswahl und der Menschenwürde eine Arbeit finden können. Das ökonomische Ziel dafür heißt Vollbeschäftigung – häufig definiert anhand einer Arbeitslosenquote unterhalb von etwa 3% bis 5%. Hessen hat mit einer Erwerbslosenrate von 4,4% (Oktober 2018) diesen wünschenswerten Zustand nahezu erreicht. Auch der gesamtdeutsche Durchschnitt liegt mit 4,9% schon innerhalb dieser Definition.

Eine Ursache für die gute Entwicklung des hessischen Arbeitsmarktes ist die sehr hohe Wirtschafts­kraft des Bundeslandes. Es gehört mit Bayern und Baden-Württemberg zur Spitzengruppe der Flächenländer, deren wirtschaftlicher Output pro Einwohner rund 15% über dem Bundes­durchschnitt liegt. Das hessische Wirtschaftswachstum blieb dagegen in den vergangenen Jahren zumeist etwas unter dem gesamtdeutschen Durchschnitt. Es war aber ausreichend, um einen leicht überdurchschnittlichen Beschäftigungszuwachs von zuletzt 2,5% zu generieren. Dabei zeigt sich der hessische Arbeitsmarkt als integrationsfähig: 15% der Arbeitnehmer sind Ausländer / -innen.

Überhaupt ist Hessen die Internationalität ins Stammbuch geschrieben. Die Frankfurter Messe wird von internationalen Ausstellern besonders geschätzt. Der Finanzplatz Frankfurt gilt für die Brexit-Banken als Favorit in Kontinentaleuropa, was die ansonsten negativen Folgen des EU-Austritts der Briten für Hessen etwas mildert. Der Flughafen dürfte 2018 mit etwa 69 Mio. Passagieren den nächsten Rekordwert ansteuern.

Im Luftfrachtbereich sind die Zahlen wie beim Auftragseingang im Verarbeitenden Gewerbe leicht rückläufig. Hier zeigen sich erste Spuren der konjunkturellen Abschwächung, die sich bis Mitte nächsten Jahres fortsetzten dürfte. Für Hessen ist aber 2018 mit einem zumindest durchschnittlichen Wirtschaftswachstum zu rechnen. Mit der Erholung in der zweiten Jahreshälfte 2019 könnten in beiden Jahren Zuwächse zwischen 1,5% und 2% erreicht werden.

Thüringens Arbeitsmarkt als Wachstumshemmnis?

Thüringen kann auf ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum von 1,9% in den letzten fünf Jahren zurückschauen. Die thüringische Industrie gab besonders starke Impulse. 2018 hat sich die Dynamik jedoch abgeschwächt. In den ersten acht Monaten stiegen Umsatz und Auftragseingänge gegenüber dem Vorjahr mit 3,1% bzw. 1,5% unterdurchschnittlich. Dagegen wurde die Mitarbeiterzahl in den Industriebetrieben fast in gleichem Tempo wie bundesweit vergrößert. Ursache dürfte zum einen der höhere Auslastungsgrad sein. Zum anderen kann der Beschäftigungs­aufbau aus der Übernahme von Leiharbeitern in die Stammbelegschaft herrühren.

Denn der Arbeitsmarkt in Thüringen wird zunehmend enger. Inzwischen liegt die Arbeitslosenquote mit 5,1% (Oktober 2018) kaum noch über dem gesamtdeutschen Durchschnitt von 4,9%. Aufgrund der demografischen Entwicklung wird sich die Situation verschärfen. Von den gut 800.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Thüringen sind rund 185.000 über 55 Jahre alt. Sie werden sich spätestens in zwölf Jahren in den Ruhestand verabschieden. Die „nachwachsenden“ Jungarbeitnehmer gegengerechnet ergibt sich ein Defizit von rund 20.000 Personen. Auf der Suche nach Mitarbeitern wird sich der Blick auf potenzielle Bewerber weiten. Dabei muss zur „Internationalisierung“ der Belegschaften über die nahen europäischen Länder hinausgedacht werden, denn in den Staaten Zentraleuropas sind die Arbeitslosenquoten zum Teil noch niedriger. Bisher war Thüringen diesbezüglich kaum aktiv – sind doch überhaupt nur 4% der Beschäftigten Ausländer (Deutschland: 11%).

Für 2018 und 2019 sind Wachstumsraten des BIP um 1,5% zu erwarten. Damit mittelfristig das Wachstumspotenzial genutzt werden kann, wird ein Zuzug von Arbeitskräften unvermeidlich sein. Schon jetzt steigt die Zahl der Beschäftigten in ganz Thüringen nur noch unterdurchschnittlich. Wenn hier nicht gegengesteuert wird, droht aus der konjunkturellen eine strukturelle Schwäche zu werden, die den Wohlstand des Bundeslandes gefährdet.

Nordrhein-Westfalen holt auf

Das Wirtschaftswachstum in Nordrhein-Westfalen (NRW) war seit der Finanzkrise unterdurch­schnittlich, dürfte sich aber in diesem Jahr aufgrund der vergleichbaren Entwicklung in der Industrie dem gesamtdeutschen Wert angenähert haben. Die konjunkturelle Abschwächung 2018 macht allerdings vor NRW keinen Halt, sodass sich das Wirtschaftswachstum leicht auf 1,4% reduzieren dürfte. 2019 sinkt die Zuwachsrate weiter auf 1,3%, da erst im späteren Verlauf des Jahres ein zyklischer Aufwind zu erwarten ist. Unterstützung erfährt das Wachstum von der Fiskalpolitik, die im kommenden Jahr zu einem spürbaren Anstieg der verfügbaren Einkommen führen sollte und damit den Konsum als größte Komponente des BIP stärkt.

Die Beschäftigungsentwicklung in NRW hat sich deutlich beschleunigt und liegt seit 2015 zumeist über 2%. Am aktuellen Rand lässt die Dynamik etwas nach. Mit einem Einbruch auf dem Arbeitsmarkt ist aber nicht zu rechnen. Im Gegenteil: Der durch den Strukturwandel bedingte Mismatch zwischen angebotenen und nachgefragten Qualifikationen baut sich ab. So lag die Arbeitslosenquote in NRW im Oktober 2018 mit 6,4% zwar über dem bundes­deutschen Durchschnitt, jedoch engte sich die Differenz ein. 2019 sollte sich der positive Trend auf dem Arbeitsmarkt fortsetzen, wenn auch die Verbesserungen aufgrund des etwas geringeren Wirtschaftswachstums niedriger ausfallen dürften.

Der NRW-Arbeitsmarkt ist auch für die Kommunen wichtig. Hohe Erwerbslosenraten sind mit hohen Sozialausgaben und zumeist niedrigen Steuereinnahmen verbunden. In der Folge haben die Gemeindehaushalte finanzielle Lasten zu ­tragen, die sie zum Teil kaum bewältigen können – ­geschweige denn noch die Mittel, um in die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes zu investieren. So weist NRW unter den größten Flächenländern die höchste Verschuldung pro Einwohner aus. Hier müssen Lösungen gefunden werden, die zum einen die Qualifizierung und die Flexibilität der Arbeitssuchenden fördern. Zum anderen ist eine investoren- und gründerfreundliche Politik zu etablieren.

Brandenburg auf Warteposition

Mit seiner Wirtschaftsleistung befindet sich Brandenburg im Mittelfeld der neuen Bundesländer. Es weist 70% des gesamtdeutschen BIP pro Einwohner aus. Das Wachstum blieb jedoch in den letzten drei Jahren deutlich unterdurchschnittlich. Allerdings zeigte sich auch in diesem Bundesland eine spürbare Verbesserung auf dem Arbeitsmarkt. Die Erwerbslosenrate liegt mit 5,8% (Oktober 2018) nur noch knapp einen Prozentpunkt über dem Länderdurchschnitt. Der Beschäftigungsanstieg ist mit 1,9% gegenüber Vorjahr der höchste in Ostdeutschland (ohne Berlin). Dabei profitiert Brandenburg von der dynamischen Entwicklung Berlins. Dort nahmen die Belegschaften sogar um 4,0% zu, womit sich der Aufholprozess fortsetzt. So liegt der wirtschaftliche Output Berlins pro Kopf immer noch 3% unter dem gesamtdeutschen Durchschnitt, was für eine Hauptstadt ungewöhnlich niedrig ist.

Die Brandenburger Industrie konnte in den ersten acht Monaten 2018 einen Umsatzzuwachs von 4,3% gegenüber dem Vorjahr erreichen und übertraf den deutschen Durchschnitt von 3,8%. Ähnlich wie in Thüringen nahm die Zahl der Industriebeschäftigten überdurchschnittlich zu. Dies ist ein Hinweis auf die hohe Kapazitätsauslastung und das zunehmende Bedürfnis der Unternehmen, zunächst „geliehene“ Arbeitnehmer dauerhaft für den Betrieb zu sichern. Insgesamt dürfte sich in Brandenburg das Wirtschaftswachstum 2018 dem Bundesdurchschnitt annähern. Da sich die Eröffnung des Flughafens Berlin-Brandenburg wahrscheinlich bis Oktober 2020 verzögert, sind im kommenden Jahr keine zusätzlichen Impulse zu erwarten. Für Brandenburg ist deshalb ein überdurchschnittliches Wachstum unwahrscheinlich.

Immer auf dem neusten Stand!

Mit den Newslettern und Publikationen von Volkswirtschaft/Research

Verwandte Themen:

Weltwirtschaft im Fitnessstudio

Hauptszenario - Eintrittswahrscheinlichkeit: 70%

Um unsere Website fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Wenn Sie Ihren Besuch fortsetzen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen finden Sie unter Datenschutz